Mensch… Wem folgen wir?

Oder: Im Schlamm Christus getroffen

schuheStuart Murray und Juliet Kilpin sind Gemeindegründer und leiten das urban expression network in Grossbritannien. Das GemSem «Grenzen überschreiten» auf dem Bienenberg vermittelte den Teilnehmenden Perspektiven und Beispiele für eine «inkarnatorische Mission»: Jesus, die Botschaft von Gottes Heil, Gerechtigkeit und Frieden verkörpern im Da-Sein für Menschen. Im Folgenden ein Auszug aus ihrer zweiteiligen Predigt, die das Seminar abrundete, gehalten in der Schänzli-Gemeinde.

Stuart Murray:
„Wir sollten endlich damit aufhören, Heilige sein zu wollen und lieber anfangen zu versuchen, ganz Mensch zu sein.“ (Zitiert nach Dietrich Bonhoeffer). Ganz Mensch zu sein – Ist es das, was Jesus gemeint hat, als er vom Leben in Fülle sprach? Wenn Jesus der einzig wahre Mensch war, dann bedeutet die Nachfolge Jesu, dass wir selbst ganz Mensch werden. In unserer Kultur gibt es sehr viele entmenschlichende Aspekte, und unsere Kultur hat viel mehr Einfluss auf uns, als uns vielleicht klar ist. Um ganz Mensch zu werden, müssen wir bestimmten Einflüssen widerstehen. Mancher Sprachgebrauch entmenschlicht Menschen. Ein „Kollateralschaden“ bedeutet nichts anderes als dass Menschen getötet werden. Wir werden als Verbraucher beschrieben; was uns also ausmacht, ist unser ökonomischer Wert. Menschen, die derzeit auf unserem ganzen Kontinent Zuflucht suchen, hat der britische Premierminister als „Schwarm von Migranten“ bezeichnet. Viele versuchen, Ängste zu schüren und diese zu instrumentalisieren. Deshalb gilt es, aktiv den entmenschlichenden Einflüssen in unserer Kultur zu widerstehen. Dafür brauchen wir einander.  Weiterlesen

Menge ist die Unwahrheit.

people-streetMenschen ändern ihre Meinung manchmal erstaunlich rasch. Daran erinnert uns in diesen Tagen auch das Kirchenjahr. An Palmsonntag hören wir die Geschichte, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet. Die Menschenmenge jubelt ihm begeistert zu. Nur fünf Tage später fordert sie aus einer Kehle den brutalen Kreuzestod.

Dieser radikale Meinungsumschwung hat unterschiedliche Gründe. Auffällig ist jedoch, dass Palmsonntag und Karfreitag die Massen anziehen. An Massenereignissen spielt das Erlebnis häufig eine wichtigere Rolle als der Inhalt. Es ist daher gar nicht so selten, dass Menschen in der Masse mitrufen oder gar mittun, was sie alleine niemals sagen oder machen würden.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) schrieb einst: „Menge ist die Unwahrheit. Darum wurde Christus gekreuzigt (…) Eine Menge zu gewinnen ist doch keine grosse Kunst; dazu braucht man nur etwas Talent, eine gewisse Dosis Unwahrheit und ein wenig Kenntnis von den menschlichen Leidenschaften.“

In der Tat: Wir Menschen sind unglaublich anfällig auf Stimmungsmache. Treten die richtigen Personen, zur richtigen Zeit mit den richtigen Ideen und Worten auf – dann gibt es schnell kein Halten mehr. Cäsaren, Diktatoren und Führer haben es schonungslos ausgenutzt, dass wir Menschen so gerne zur Masse gehören.

Anders als die Menschen, liess sich Jesus nicht manipulieren. Er hielt an seiner Gottes- und Menschenliebe fest. Weder Lobeshymnen noch Gewalt hinderten ihn daran, derjenige zu sein, der er war.

Quer durch die Jahrhunderte folgten Christinnen und Christen diesem Beispiel. Nicht immer machten sie dabei eine gute Figur. Aber zusammen mit Jesus selbst, ermutigen ihre Geschichten dazu, der Masse nicht unkritisch hinterherzulaufen. Sich an ihnen zu orientieren, scheint mir angesichts der Massentauglichkeit von AfD, SVP, Front National, FPÖ, usw. dringend geboten. Denn auf Palmsonntag folgt bekanntlich Karfreitag – manchmal schneller als gedacht.

Lukas Amstutz

Vor der eigenen Türe wischen – Ein Plädoyer für Demut und selbstkritische Bescheidenheit

Jecker - Abb1 - Boll-Christenlichs Bedencken 1615 - TitelblattAlles besser wissen und selber immer recht haben wollen ist das eine, am andern keinen guten Faden lassen, das andere. Hie Freund, dort Feind – seit Jahrhunderten sind dies bewährte Zutaten für Konflikt und Streit, Diskriminierung und Krieg. Tragisch dabei ist, dass in der Geschichte sehr oft Hardliner den Ton angegeben haben. Selbstkritische Stimmen, Brückenbauer und auf Ausgleich und Versöhnung zielende Personen fanden meist kaum Gehör. Weder in der Politik, noch leider allzu oft auch in den Kirchen…

Umso eindrücklicher sind Menschen, die es dennoch geschafft haben, sich zwischen den Fronten zu positionieren und sich bisweilen auch Gehör zu verschaffen.

Eine solche Person ist der aus dem zürcherischen Stein am Rhein stammende Hans Jakob Boll. In diesen Tagen sind es genau 400 Jahre her, seit eine kleine Schrift von ihm (fast) landesweit Aufsehen erregt hat. Anlass dazu war die von der reformierten Zürcher Obrigkeit – mit Zustimmung der Kirche – vollstreckte Hinrichtung des Täufers Hans Landis im Herbst 1614. Weiterlesen

Von Lichterorgien, dem Glanz auf dem verfluchten Acker und den Waffen des Lichts

lampeEhrlich gesagt, mir wird das langsam zu viel. Mir gehen sie auf die Nerven. Seit Wochen diese Lichter überall. Aufdringlich leuchtet und blinkt es. Blau. Grün. Rot. Weiss. Kalt weiss. Quadratmeterweise Lichterorgien. Und jetzt auch noch ganze illuminierte Gebilde und Szenen im Vorgarten. Die Globalisierung macht noch nicht mal vor Rentieren halt. Den vor Jahren erstmals entdeckten, sich an der Wand hochziehenden, Nikolaus fand ich noch lustig. Mittlerweile öden diese strangulierten Kerle mich an, selbst wenn sie beleuchtet sind. Und dann auch noch diese Absurdität auf einem Hausdach: Eine meterhohe Konstruktion lässt einen Engel 24 Stunden pro Tag schwebend rotieren – nachts natürlich beleuchtet. Mir wird schwindelig! Vorbei sind die Zeiten, in denen ein paar schimmernde Kerzen oder Lichter hier und dort einen heimeligen Glanz in die Dunkelheit zauberten. Es funkelt nichts mehr. Es blinkt nur noch. Mit Licht protzen ist angesagt. Gibt es da irgend einen Lichter-Wettbewerb den ich nicht kenne? Oder zahlen die Stromversorger neuerdings Prämien für die verwendete Anzahl von Glühbirnchen? Müsste man nächstes Jahr vielleicht eine „Aktion Lichterfasten“ starten? Oder eine AUA-Kampagne: „Artgerechter Umgang mit dem Advent“? Oder ein Projekt „Dunkle Nacht – himmlische Nacht“?

Dabei hat die Sache mit dem Licht ja eigentlich etwas. Es macht die Nacht zum Tag. Nicht künstlich, sondern in echt. Naturwissenschaftlich gesehen ist Finsternis die Abwesenheit von Licht. Gegen das Licht ist die Finsternis machtlos. Diese simple Feststellung fasziniert mich. Selbst ein Glühwürmchen ist ein Angriff auf die Finsternis – von einer Kerze ganz zu schweigen.  Weiterlesen

Frauen reden viel. Männer auch.

photo-12Eine Studie wollte es genau wissen: Reden Frauen wirklich mehr als Männer? Die Antwort auf dieses gängige Vorurteil lautet: Nein. Durchschnittlich kommen pro Tag 16’000 Wörter über unsere Lippen. Ganz egal, ob wir Mann oder Frau sind. 16‘000 Wörter pro Tag – das ergibt über 100‘000 Wörter pro Woche. Viele davon sind belanglos. Aber längst nicht alle. Worte haben Kraft. Sie können Menschen aufbauen oder zerstören. Sie können Kriege auslösen oder Frieden stiften. Worte schaffen Realitäten.

Der Jakobusbrief meint dazu:
„Wir legen den Pferden das Zaumzeug ins Maul, damit sie uns gehorchen; so lenken wir das ganze Tier. Oder denkt an ein Schiff: Es ist groß und wird von starken Winden getrieben; trotzdem wird es mit einem winzigen Ruder gesteuert, wohin der Steuermann es haben will. Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt!“ (Jak 3,3-5).

Verschiedentlich war in den vergangenen Wochen zu hören, dass in der politischen Diskussion zunehmend aggressive Töne zu vernehmen sind. Der sonst so auf Harmonie bedachten Schweiz mag es ja nicht schaden, wenn in sachlichen Debatten dann und wann klare Voten fallen. Wenn jedoch andersdenkende Menschen beleidigt, persönlich angegriffen und diffamiert werden, ist dies nicht bloss unfair. Wir missbrauchen unsere Zunge und erschaffen mit unseren Worten ein vergiftetes gesellschaftliches Klima.

Gleiches gilt für so manche Diskussionen rund um die aktuelle Flüchtlingssituation. Dabei verschlagen mir vor allem Kommentare in den elektronischen Medien zuweilen die Sprache. Ich verstehe, dass die Flüchtlingsströme Angst, Unzufriedenheit und vielleicht auch Wut auslösen. Wie wir die auf uns zukommenden Herausforderungen alle meistern, weiss ich derzeit auch noch nicht. Aber eines weiss ich: Hetze ist keine Lösung. Sie ist brandgefährlich!

Noch bleibt es vielerorts bei schriftlichen Äusserungen. Aber je mehr diese Hasskommentare ins öffentliche Bewusstsein dringen, je häufiger sie ausgesprochen werden, desto mehr schaffen diese Worte neue Realitäten. Davon zeugen die jüngsten Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Deutschland. Unangenehm aktuell rufen sie in Erinnerung, was wir im Jakobusbrief lesen: Die menschliche Zunge gleicht einer kleinen Flamme, die einen grossen Waldbrand entfachen kann.

Wir sollten dies nicht schweigend hinnehmen. Es darf und muss nicht sein, dass Polemik die Diskussion bestimmt. Wir haben die Möglichkeit mit unserem Reden eine andere Realität zu schaffen. Pro Tag stehen uns dazu 16‘000 Wörter zur Verfügung. Anstatt Hass und Gewalt, können wir Verständnis und Frieden fördern. Mit Taten und Worten.
[Die Zunge] ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Nutzen wir sie und schaffen mit unseren Worten Realitäten, die dem Leben dienen!

Lukas Amstutz

PS Diese Gedanken habe ich ausführlicher auch in meiner letzten Radiopredigt geteilt. Nachzuhören auf: http://www.srf.ch/sendungen/predigt/ev-freik-lukas-amstutz