Frauen reden viel. Männer auch.

photo-12Eine Studie wollte es genau wissen: Reden Frauen wirklich mehr als Männer? Die Antwort auf dieses gängige Vorurteil lautet: Nein. Durchschnittlich kommen pro Tag 16’000 Wörter über unsere Lippen. Ganz egal, ob wir Mann oder Frau sind. 16‘000 Wörter pro Tag – das ergibt über 100‘000 Wörter pro Woche. Viele davon sind belanglos. Aber längst nicht alle. Worte haben Kraft. Sie können Menschen aufbauen oder zerstören. Sie können Kriege auslösen oder Frieden stiften. Worte schaffen Realitäten.

Der Jakobusbrief meint dazu:
„Wir legen den Pferden das Zaumzeug ins Maul, damit sie uns gehorchen; so lenken wir das ganze Tier. Oder denkt an ein Schiff: Es ist groß und wird von starken Winden getrieben; trotzdem wird es mit einem winzigen Ruder gesteuert, wohin der Steuermann es haben will. Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt!“ (Jak 3,3-5).

Verschiedentlich war in den vergangenen Wochen zu hören, dass in der politischen Diskussion zunehmend aggressive Töne zu vernehmen sind. Der sonst so auf Harmonie bedachten Schweiz mag es ja nicht schaden, wenn in sachlichen Debatten dann und wann klare Voten fallen. Wenn jedoch andersdenkende Menschen beleidigt, persönlich angegriffen und diffamiert werden, ist dies nicht bloss unfair. Wir missbrauchen unsere Zunge und erschaffen mit unseren Worten ein vergiftetes gesellschaftliches Klima.

Gleiches gilt für so manche Diskussionen rund um die aktuelle Flüchtlingssituation. Dabei verschlagen mir vor allem Kommentare in den elektronischen Medien zuweilen die Sprache. Ich verstehe, dass die Flüchtlingsströme Angst, Unzufriedenheit und vielleicht auch Wut auslösen. Wie wir die auf uns zukommenden Herausforderungen alle meistern, weiss ich derzeit auch noch nicht. Aber eines weiss ich: Hetze ist keine Lösung. Sie ist brandgefährlich!

Noch bleibt es vielerorts bei schriftlichen Äusserungen. Aber je mehr diese Hasskommentare ins öffentliche Bewusstsein dringen, je häufiger sie ausgesprochen werden, desto mehr schaffen diese Worte neue Realitäten. Davon zeugen die jüngsten Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Deutschland. Unangenehm aktuell rufen sie in Erinnerung, was wir im Jakobusbrief lesen: Die menschliche Zunge gleicht einer kleinen Flamme, die einen grossen Waldbrand entfachen kann.

Wir sollten dies nicht schweigend hinnehmen. Es darf und muss nicht sein, dass Polemik die Diskussion bestimmt. Wir haben die Möglichkeit mit unserem Reden eine andere Realität zu schaffen. Pro Tag stehen uns dazu 16‘000 Wörter zur Verfügung. Anstatt Hass und Gewalt, können wir Verständnis und Frieden fördern. Mit Taten und Worten.
[Die Zunge] ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Nutzen wir sie und schaffen mit unseren Worten Realitäten, die dem Leben dienen!

Lukas Amstutz

PS Diese Gedanken habe ich ausführlicher auch in meiner letzten Radiopredigt geteilt. Nachzuhören auf: http://www.srf.ch/sendungen/predigt/ev-freik-lukas-amstutz