Von Lichterorgien, dem Glanz auf dem verfluchten Acker und den Waffen des Lichts

lampeEhrlich gesagt, mir wird das langsam zu viel. Mir gehen sie auf die Nerven. Seit Wochen diese Lichter überall. Aufdringlich leuchtet und blinkt es. Blau. Grün. Rot. Weiss. Kalt weiss. Quadratmeterweise Lichterorgien. Und jetzt auch noch ganze illuminierte Gebilde und Szenen im Vorgarten. Die Globalisierung macht noch nicht mal vor Rentieren halt. Den vor Jahren erstmals entdeckten, sich an der Wand hochziehenden, Nikolaus fand ich noch lustig. Mittlerweile öden diese strangulierten Kerle mich an, selbst wenn sie beleuchtet sind. Und dann auch noch diese Absurdität auf einem Hausdach: Eine meterhohe Konstruktion lässt einen Engel 24 Stunden pro Tag schwebend rotieren – nachts natürlich beleuchtet. Mir wird schwindelig! Vorbei sind die Zeiten, in denen ein paar schimmernde Kerzen oder Lichter hier und dort einen heimeligen Glanz in die Dunkelheit zauberten. Es funkelt nichts mehr. Es blinkt nur noch. Mit Licht protzen ist angesagt. Gibt es da irgend einen Lichter-Wettbewerb den ich nicht kenne? Oder zahlen die Stromversorger neuerdings Prämien für die verwendete Anzahl von Glühbirnchen? Müsste man nächstes Jahr vielleicht eine „Aktion Lichterfasten“ starten? Oder eine AUA-Kampagne: „Artgerechter Umgang mit dem Advent“? Oder ein Projekt „Dunkle Nacht – himmlische Nacht“?

Dabei hat die Sache mit dem Licht ja eigentlich etwas. Es macht die Nacht zum Tag. Nicht künstlich, sondern in echt. Naturwissenschaftlich gesehen ist Finsternis die Abwesenheit von Licht. Gegen das Licht ist die Finsternis machtlos. Diese simple Feststellung fasziniert mich. Selbst ein Glühwürmchen ist ein Angriff auf die Finsternis – von einer Kerze ganz zu schweigen. 

Licht und Finsternis ist ein Gegensatz, der die Religionsgeschichte durchzieht.

Die alten Ägypter sahen in Sonne und Mond die Augen des Himmelsgottes, der das All mit Licht erfüllt, wenn er die Augen aufschlägt. Lichthelden kämpfen in dem ägyptischen und babylonischen Lichtmythos mit den Mächten der Finsternis. Die Deutung liegt nahe, in der  Finsternis den Tod und im Licht das Leben wahrzunehmen. Biblisch gesehen hebt Gott das Chaos auf, indem er Licht schafft. Und Gottes Wort wird zum „Licht auf meinem Weg“ (Ps119,105).  Die Dunkelheit hingegen erscheint den Propheten Amos oder Joel als Ankündigung für den Tag des Herrn, einen Tag, an dem Gott alles – aber auch alles – klar macht, richtig stellt. Und wenn Jesaja ein „Licht der Nationen“ ansagt, dann deutet das der christliche Glaube auf Jesus, der sich selbst einmal als Licht der Welt (Joh 8,12) bezeichnet hat.

Es liegt eine tiefe Symbolik darin, dass laut Lukas-Evangelium Jesus, der Gott auf einzigartige Weise in dieser Welt verkörpert, mitten in der Nacht geboren wird. Und dass die andersgläubigen Sterndeuter einem Licht folgen, das ihnen den Weg weist.

Dieses Licht Gottes taucht den verfluchten Acker (Gen3,17) in himmlischen Glanz. Der verklärt nicht das neugeborene Kind mit einem Lichtkranz um seinen Kopf, sondern die Menschen, die im und aus dem Dunkel – stellvertretend – „im Stall“ auftauchen. Bei den Verlorenen, den Verdammten der Erde strahlt Gott auf. Deshalb schreibt Titus in seinem Brief  „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“ (2,11).

Wie war das mit dem Projekt „Dunkle Nacht – himmlische Nacht“? Paulus ermutigt dazu, „die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anziehen!“ (Röm 13,12) weil Jesu Nachfolger und Nachfolgerinnen quasi zwischen Nacht und Tag in der Morgendämmerung leben. Zu den Waffen des Lichts fällt mir Jesu Liebe ein, Feindesliebe, die das Böse nicht scheut, sondern es konfrontiert und überwindet. Das steht in krassem Gegensatz zu dem, was ich tagtäglich in den Nachrichten höre und sehe. Bilder der Lieblosigkeit und Verachtung, des Unrechts und der Ungerechtigkeit, des Hasses und der Feindschaft, der Gewalt, die mit Gewalt die Gewalt bekämpfen will, was nur zu mehr Gewalt und Leid und Flucht und Hunger und  Elend führt. Finsternis, die mir quasi Hören und Sehen vergehen lässt! Doch es gibt sie, die Waffen des Lichts. Ein Vater hat sie seinem kleinen verängstigten Sohn nach dem Anschlag in Paris so erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=6ar77dltCKM. Die Waffen des Lichts sind Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden. Darin liegt der wirksamste Angriff auf die Finsternis in dieser Welt. Das ist es, wogegen die Finsternis in dieser Welt machtlos ist. Auf dass dieses Wort Gottes zum Licht auf unserem Weg werde, der vor uns liegt.

Frieder Boller

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Über Frieder Boller

Sozialtherapieausbildung, Studium der Theologie in den USA (M.Div., Mennonite Brethern Biblical Seminary, Fresno), Fortbildungen in Mediation und Konflikttransformation. Seit 2009 unterrichtet er am TS Bienenberg als Dozent für Praktische Theologie und leitet die Institution und ist Co-Leiter des Instituts für Konflikttransformation. Davor war er Pastor der Mennonitengemeinde Ingolstadt und im Rahmen überregionaler Aufgaben im Gemeindeverband als Konfliktberater in Gemeinden tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kinder.

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