Vor der eigenen Türe wischen – Ein Plädoyer für Demut und selbstkritische Bescheidenheit

Jecker - Abb1 - Boll-Christenlichs Bedencken 1615 - TitelblattAlles besser wissen und selber immer recht haben wollen ist das eine, am andern keinen guten Faden lassen, das andere. Hie Freund, dort Feind – seit Jahrhunderten sind dies bewährte Zutaten für Konflikt und Streit, Diskriminierung und Krieg. Tragisch dabei ist, dass in der Geschichte sehr oft Hardliner den Ton angegeben haben. Selbstkritische Stimmen, Brückenbauer und auf Ausgleich und Versöhnung zielende Personen fanden meist kaum Gehör. Weder in der Politik, noch leider allzu oft auch in den Kirchen…

Umso eindrücklicher sind Menschen, die es dennoch geschafft haben, sich zwischen den Fronten zu positionieren und sich bisweilen auch Gehör zu verschaffen.

Eine solche Person ist der aus dem zürcherischen Stein am Rhein stammende Hans Jakob Boll. In diesen Tagen sind es genau 400 Jahre her, seit eine kleine Schrift von ihm (fast) landesweit Aufsehen erregt hat. Anlass dazu war die von der reformierten Zürcher Obrigkeit – mit Zustimmung der Kirche – vollstreckte Hinrichtung des Täufers Hans Landis im Herbst 1614.

Hans Jakob Boll war früher eine Zeitlang selbst Täufer gewesen, mittlerweile allerdings wieder reformiert geworden. Aber die Art und Weise, wie hier zwei kirchliche Bewegungen miteinander umgingen, das liess ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Auch in seiner neuen Heimat – Boll wohnte mittlerweile im Bernbiet – ging die Obrigkeit mit ähnlicher Härte gegen die Täufer vor. Seine Gedanken packte Boll darum in ein Traktat, das er 1615 in Basel anonym drucken liess mit dem Titel: „Christliches Bedenken, ob es einem Evangelischen Christen gebühre, jemanden um des Glaubens willen zu verfolgen.“

Der Inhalt der Broschüre bestand vorwiegend aus Zitaten der anerkannten evangelischen Reformatoren Luther und Zwingli, die in jungen Jahren gegenüber der katholischen Kirche grössere Freiheiten für Glauben und Gewissen gefordert hatten. Genau diese Argumente nahm nun Boll clever in Anspruch, um bei seinen reformierten Landsleuten dafür zu werben, den Täufern dieselben Freiheiten zu gewähren, die Luther und Zwingli früher für sich in Anspruch genommen hatten.

Um die Stossrichtung der Argumentation von Boll zu verstehen, zitiere ich eine eindrückliche Passage aus seinem Nachwort in leicht modernisiertem Frühneuhochdeutsch:

„Zum Beschluß / were meines Hertzens Wunsch und Begeren / daß bey uns Evangelischen allen Fleiß und Ernst angewendet wurde / daß die Verscheuchten, Ab­gesünderten und Verirreten an uns [d.h. die Täufer] / widerumb möchten gewunnen unnd bewegt werden / zu unseren Evangelischen Kilchen zu kommen / damit wir in Einigkeit mit einanderen in Christenlicher Liebe leben können. Darzu aber wüßte ich kein besser Mittel noch Artzney : Daß wir namlich zum ersten vor unser [eigen] Thüren theten wüschen und seube­ren / dem Befelch Christi / wie ers uns befoh­len und gebotten / fleißiger nachgien­gen / und in wahrer Bußfertigkeit in einem newen Leben / jh­nen ein besser Exempel vorführtend / so möchten wir sie ohne Zweiffel hiemit dester baß gewinnen /  bewe­gen und zu uns bringen: […] Dann sonst ist zu be­sorgen / es werde al­les künstliches Schreiben / und anders was man mit jhnen mit Zwang und Gewalt für die Hand nimbt / ein vergebene Müh unnd Arbeit seyn / und wer­den mehr in jhrer Meinung gesterckt / als darvon bewegt werden […] [Darum lasst uns] Gott im Himmel anrüffen / daß er uns unsere Hertzen anzünde mit dem Fewr seiner Liebe / allen Fleiß und Ernst anzuwenden / […] mit Gottes Hilff unse­re eignen Fähler und Mängel zu verbesseren / […] auff daß wir nit nur in einem eytlen Wahnglauben / sondern in dem rechten wahren, lebendigen Christenlichen Glau­ben erfunden werden /  und al­so nach deß wahren seligmachenden Glaubens Arth / in einem newen widergebor­nen Leben / in Christenlichem Vorbild / Gedult / Sanfftmütigkeit / eynbrünstiger Gottseliger Liebe von gantzem Hertzen geneigt / einandern hindurch zu helffen. Welches ich mit allen christenlichen evangelischen wahren Gläubigen von Grund meines Hertzens wünschen und begeren / und auch in diser meinen kleinfügigen Ar­beit sunst nichts anders suchen (das  weiß Gott) […].“

Ende Januar 1616 erfuhr die Berner Obrigkeit von dieser „kleinfügigen Arbeit“ des Hans Jakob Boll. Unverzüglich forschte sie nach dem Autor dieser ungeliebten Toleranzschrift. Als sie Boll endlich aufgespürt hatte, wurde er sogleich inhaftiert und einer langen Serie von intensiven Verhören unterzogen. Alle Traktate wurden vernichtet, um die Weiterverbreitung dieser gefährlichen Gedanken zu unterbinden.

Zum Glück ist wenigstens EIN Exemplar in der Landesbibliothek in Bern erhalten, um zu bezeugen, dass es wohl zu allen Zeiten und in allen Lagern Menschen mit Zivilcourage gegeben hat, die sich im Namen des christlichen Glaubens für Demut und selbstkritische Bescheidenheit, für Duldsamkeit und Menschenliebe eingesetzt haben. Getreu dem Ratschlag Jesu: Klug wie die Schlangen, ohne Falsch wie die Tauben (Mt 10,16). Ihre Stimme mag schwach gewesen sein, aber sie ist gehört worden und hat zum Nachdenken angeregt. Und bis heute vermag sie zu ermutigen, um nicht selber in Rechthabereien und Feindbildzementierungen einzumünden, sondern Alternativen zu formulieren und zu leben.

Hanspeter Jecker

lederach-vom-konflikt-zur-versoehnungPS. Für einen aktuellen Beitrag gegen Rechthabereien und Feindbildzementierungen greife man zum soeben publizierten Buch von John Paul LEDERACH: Vom Konflikt zur Versöhnung. Kühn träumen – pragmatisch handeln. Neufeld-Verlag 2016.

http://www.neufeld-verlag.de/de/vom-konflikt-zur-versoehnung.html

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Aufsatz von Hanspeter Jecker. Permanenter Link des Eintrags.

Über Hanspeter Jecker

Studium der Geschichte in Basel (lic. phil.) und der Theologie in den USA (MA in Theology, Associated Mennonite Biblical Seminary, Elkhart IN). Promotion (Dr. phil.) an der Universität Basel mit der Arbeit: Ketzer - Rebellen - Heilige: Das Basler Täufertum von 1580-1700. Seit 1982 unterrichtet er am TS Bienenberg als Dozent für Historische Theologie und Ethik. Daneben arbeitet er an diversen Forschungsprojekten zum Täufertum und ist Präsident des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

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