Über Frieder Boller

Sozialtherapieausbildung, Studium der Theologie in den USA (M.Div., Mennonite Brethern Biblical Seminary, Fresno), Fortbildungen in Mediation und Konflikttransformation. Seit 2009 unterrichtet er am TS Bienenberg als Dozent für Praktische Theologie und leitet die Institution und ist Co-Leiter des Instituts für Konflikttransformation. Davor war er Pastor der Mennonitengemeinde Ingolstadt und im Rahmen überregionaler Aufgaben im Gemeindeverband als Konfliktberater in Gemeinden tätig. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kinder.

Von Lichterorgien, dem Glanz auf dem verfluchten Acker und den Waffen des Lichts

lampeEhrlich gesagt, mir wird das langsam zu viel. Mir gehen sie auf die Nerven. Seit Wochen diese Lichter überall. Aufdringlich leuchtet und blinkt es. Blau. Grün. Rot. Weiss. Kalt weiss. Quadratmeterweise Lichterorgien. Und jetzt auch noch ganze illuminierte Gebilde und Szenen im Vorgarten. Die Globalisierung macht noch nicht mal vor Rentieren halt. Den vor Jahren erstmals entdeckten, sich an der Wand hochziehenden, Nikolaus fand ich noch lustig. Mittlerweile öden diese strangulierten Kerle mich an, selbst wenn sie beleuchtet sind. Und dann auch noch diese Absurdität auf einem Hausdach: Eine meterhohe Konstruktion lässt einen Engel 24 Stunden pro Tag schwebend rotieren – nachts natürlich beleuchtet. Mir wird schwindelig! Vorbei sind die Zeiten, in denen ein paar schimmernde Kerzen oder Lichter hier und dort einen heimeligen Glanz in die Dunkelheit zauberten. Es funkelt nichts mehr. Es blinkt nur noch. Mit Licht protzen ist angesagt. Gibt es da irgend einen Lichter-Wettbewerb den ich nicht kenne? Oder zahlen die Stromversorger neuerdings Prämien für die verwendete Anzahl von Glühbirnchen? Müsste man nächstes Jahr vielleicht eine „Aktion Lichterfasten“ starten? Oder eine AUA-Kampagne: „Artgerechter Umgang mit dem Advent“? Oder ein Projekt „Dunkle Nacht – himmlische Nacht“?

Dabei hat die Sache mit dem Licht ja eigentlich etwas. Es macht die Nacht zum Tag. Nicht künstlich, sondern in echt. Naturwissenschaftlich gesehen ist Finsternis die Abwesenheit von Licht. Gegen das Licht ist die Finsternis machtlos. Diese simple Feststellung fasziniert mich. Selbst ein Glühwürmchen ist ein Angriff auf die Finsternis – von einer Kerze ganz zu schweigen.  Weiterlesen

Was Denken mit Menschsein zu hat – oder auch nicht

„Was ist der Mensch“? heisst es staunend im Psalm 8. Vor 400 Jahren unterschied John Locke als erster zwischen der Spezies Mensch als Lebewesen und Person – und beschrieb die Person als denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt, das ein Bewusstsein hat und denken kann. Andere sagen heute: das Lebewesen Mensch ist nur dann eine Person, wenn es Interessen hat und diese abwägen und vertreten kann. Person ist ein Mensch nur insoweit, als er oder sie in der Lage ist, willentlich ein bestimmtes Ziel zu erreichen, vernünftige Gründe dafür zu benennen und abzuwägen und sich bewusst zwischen Alternativen entscheiden zu können. (Peter Singer, Präferenz-Utilitarismus) Dazu passt, dass Unabhängigkeit (Autonomie/Freiheit) und Leistung heute verstanden werden als entscheidende Faktoren für ein menschenwürdiges selbstbestimmten Leben und für Lebensqualität. Dieses Verständnis beeinflusst auch das gesellschaftliche Leitbild im Blick auf Menschen mit Demenz, Behinderungen, oder in der Diskussion um Embryonenforschung, vorgeburtliches Leben und Abtreibung oder Koma-Patienten. Denn wenn ein Mensch kein Mensch (mehr) ist, weil er oder sie keine intellektuellen Fähigkeiten, keine Leistungsfähigkeit besitzt und nicht – oder nicht mehr- selbstbestimmt leben kann, dann überrascht es nicht wirklich, wenn heute manche Bioethiker bei Nicht-Vorhandensein dieser Merkmale von „nichtpersonalen Menschen, deren Auslöschung ethisch gerechtfertigt sei“ sprechen. Weiterlesen

Konflikt-Intervention als friedenstheologische Herausforderung

FachtagungErste Ergebnisse der Fachkonferenz auf dem Bienenberg

40 Personen aus Historischen Friedenskirchen und anderen friedenskirchlichen Initiativen aus Europa trafen sich an zwei Tagen zu einer Internationalen Fachkonferenz auf dem Bienenberg bei Liestal (Schweiz), um sich dem Thema „Konflikt-Intervention als friedenstheologische Herausforderung“ zu stellen. Ereignisse wie der Terror der IS in Irak und Syrien und von Boko Haram in Nigeria, drohender Genozid in Burma /Myanmar, erneut drohender Bürgerkrieg in Burundi und im Kongo rufen nach einer international abgestimmten militärischen Intervention und versprechen sich ein Ende der Grausamkeiten. Wie stehen die Friedenskirchen dazu? Das zu klären, war Ziel der Fachtagung.

Zum News-Beitrag zur Tagung auf den Bienenberg-Seiten

Zwei Tage gefüllt mit Referaten, Inputs und Gruppenarbeit verdichteten sich zu einem Schlussdokument, das nun vorliegt. Es befasst sich damit, wie die Interventionsfrage aus friedenstheologischer Sicht beantwortet werden kann.

Download des Arbeitspapiers: Using Nonviolence against Violence?

 

 

Sich trotz allem von John H. Yoders theologischen Gedanken inspirieren lassen

John Howard YoderEine Stellungnahme ( als PDF)

John H. Yoder (1927-1997) ist der bekannteste mennonitische Theologe der Gegenwart. Am Theologischen Seminar Bienenberg nehmen wir oft Bezug auf seine Schriften und Überlegungen. Verschiedentlich haben wir auch an Übersetzung und Publikation seiner Bücher in deutscher und französischer Sprache mitgewirkt.

Gerade weil wir seine Schriften schätzen, halten wir eine Stellungnahme auch von unserer Seite für nötig im Hinblick auf eine Reihe von älteren und jüngeren Vorwürfen an die Adresse von John Yoder. Zwischen 1992 und 1996 fand zwischen ihm und seiner Kirche ein gemeinde-disziplinarischer Prozess wegen sexuellen Fehlverhaltens (in Wort und Tat) statt. Dieser Prozess führte dazu, dass die für die Zeit der Untersuchung ausgesprochene Suspendierung von Yoders Lehr-Funktionen kurz vor seinem Tod aufgehoben wurde.

Im Jahr 2014 beauftragte die Mennonite Church USA eine Arbeitsgruppe mit einer erneuten Evaluation der Handlungen Yoders, was (u.a.) im Januar 2015 zur Publikation verschiedener Artikel in der Zeitschrift Mennonite Quarterly Review führte. Aufgrund der neuen Untersuchungen durch diese Arbeitsgruppe wurde bestätigt, dass die Verfehlungen Yoders schwerwiegender waren als zuvor angenommen, dass sie auch verschiedene Aspekte von sexuellen Beziehungen einschlossen und dass mehr Frauen und über längere Zeiträume hinweg davon betroffen waren, als man dies bisher gedacht hatte. In einem Gottesdienst der Klage, des Bekenntnisses und der Verpflichtung (“Service of Lament, Confession and Commitment”) wurde im März 2015 in Elkhart dieser schmerzhaften Ereignisse gedacht.

Wir bezeugen unsere Solidarität mit allen Frauen, die in diese Handlungen nicht eingewilligt hatten und/oder durch sie verletzt worden sind. Wir bezeugen unsere Solidarität mit John Yoders Frau und ihrer Familie.

Wir sind zutiefst traurig und enttäuscht angesichts dieser Vorkommnisse. Weiterlesen

Vom Unterschied zwischen „Toten“ und „unschuldigen Opfern“

Da lese ich es schon wieder! Und im Radio höre ich es. Und im Fernsehen. „Unschuldige Menschen werden wie Hühner geschlachtet.“Immer wieder wird der Tod von unschuldigen Menschen und unschuldigen Opfern beklagt. In der Tat. Das ist auch zu beklagen – und mehr als das. Es schreit zum Himmel, was hier und dort geschieht. Und ich bin mir bewusst wie heikel es ist, die Berichterstattung über den gewaltsamen Tod und das Leid von Menschen in irgendeiner Weise zu kommentieren. Doch mir stösst die Rede von „unschuldigen Menschen“ und „unschuldigen Opfern“ sauer auf. Ich kann es nicht mehr hören. Denn offenbar gibt es einerseits Tote zu beklagen. Und andererseits gibt es unschuldige Menschen, die der Gewalt zum Opfer fallen.

Was genau macht die einen denn zu „Toten“ und die anderen zu „unschuldigen Opfern“? Tote sind augenscheinlich vor allem Soldaten, besser gesagt Menschen, die in Kampfhandlungen verwickelt sind. Unschuldige Opfer hingegen sind offenbar Menschen, die nicht aktiv an dem Geschehen beteiligt waren oder sich nicht entsprechend wehren konnten. Was soll eine derartige Unterscheidung uns sagen? Warum sollte man Menschen so einteilen? Soll ich etwa daraus schliessen, dass ein mit Waffen kämpfender Mensch schuldig ist? Und Zivilisten unschuldig, weil sie keine Waffen tragen?

Soldaten sind Menschen. So genannte Terroristen sind Menschen. Zivilisten sind Menschen. Wie auch immer sie ums Leben kamen – es sind Tote! Theologisch gesprochen Ebenbilder Gottes. Ob durch Maschinengewehr, Granaten, Raketen, Drohnen oder Messer getötet. Sie sind Opfer! Ob es ein Befehl war, Rache, kaltes Kalkül oder „Kollateralschaden“ – sie sind Opfer! Jede und jeder Einzelne ein getötetes Ebenbild Gottes. Und jedes einzelne Opfer ist zu beklagen. Weiterlesen