Über Hanspeter Jecker

Studium der Geschichte in Basel (lic. phil.) und der Theologie in den USA (MA in Theology, Associated Mennonite Biblical Seminary, Elkhart IN). Promotion (Dr. phil.) an der Universität Basel mit der Arbeit: Ketzer - Rebellen - Heilige: Das Basler Täufertum von 1580-1700. Seit 1982 unterrichtet er am TS Bienenberg als Dozent für Historische Theologie und Ethik. Daneben arbeitet er an diversen Forschungsprojekten zum Täufertum und ist Präsident des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte. Er ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Vor der eigenen Türe wischen – Ein Plädoyer für Demut und selbstkritische Bescheidenheit

Jecker - Abb1 - Boll-Christenlichs Bedencken 1615 - TitelblattAlles besser wissen und selber immer recht haben wollen ist das eine, am andern keinen guten Faden lassen, das andere. Hie Freund, dort Feind – seit Jahrhunderten sind dies bewährte Zutaten für Konflikt und Streit, Diskriminierung und Krieg. Tragisch dabei ist, dass in der Geschichte sehr oft Hardliner den Ton angegeben haben. Selbstkritische Stimmen, Brückenbauer und auf Ausgleich und Versöhnung zielende Personen fanden meist kaum Gehör. Weder in der Politik, noch leider allzu oft auch in den Kirchen…

Umso eindrücklicher sind Menschen, die es dennoch geschafft haben, sich zwischen den Fronten zu positionieren und sich bisweilen auch Gehör zu verschaffen.

Eine solche Person ist der aus dem zürcherischen Stein am Rhein stammende Hans Jakob Boll. In diesen Tagen sind es genau 400 Jahre her, seit eine kleine Schrift von ihm (fast) landesweit Aufsehen erregt hat. Anlass dazu war die von der reformierten Zürcher Obrigkeit – mit Zustimmung der Kirche – vollstreckte Hinrichtung des Täufers Hans Landis im Herbst 1614. Weiterlesen

Eine radikalere Umkehr zum Evangelium

oder: Von Täufern, Reformationsjubiläen und grossen Wahlsiegen

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Es gibt Sätze, die höre ich gern. Es gibt Sätze, die habe ich mir bereits vor vielen Jahren in Büchern rot angestrichen. Wenn diese Sätze dann auch noch von bekannten Persönlichkeiten stammen, umso besser. Ein solcher Satz ist der folgende: „Die Täufer wollen in mancher Beziehung eine radikalere Umkehr zu Evangelium und Urchristentum als die andere Reformation“.1
Er stammt vom reformierten Schweizer Theologen Leonhard Ragaz (1868-1945), einem Hauptbegründer der religiös-sozialen Bewegung.

Natürlich gefallen nicht allen solche Aussagen. Weder damals noch heute. Vor allem wenn deutlich wird, worin Ragaz diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ konkret sieht.
Für ihn sind nämlich gewisse Texte der Bibel zentral, die für andere eher zur Kategorie „nice to have“ oder „Jetzt wollen wir doch mal nicht gleich übertreiben!“ zählen und entsprechend rasch vom Tisch sind.

Die biblischen Aufrufe zu Nächsten- und Feindesliebe, zu Schutz und Fürsorge für Flüchtlinge und Fremde, das Gebot des Erlassjahres (Lev 25), die Bergpredigt, die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde (Apg 2 und 4) etc. sind für Ragaz zentrale Impulse und Verpflichtung für Menschen, die das Evangelium in eine von Eigennutz und „Mammonkult“ geprägte Gesellschaft tragen möchten.
Und für genau diese Art von „radikalerer Umkehr zum Evangelium“ standen nach Ragaz also die Täufer.

Das Theologische Seminar Bienenberg steht in der täuferischen Tradition. Ich selber unterrichte seit vielen Jahren hier. Und im Rahmen meiner kirchengeschichtlichen Forschungen befasse ich mich seit langem intensiv mit dem Leben und Glauben von Täuferinnen und Täufern, die genau diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ quer durch die Jahrhunderte zu praktizieren versuchten. Noch immer und immer wieder fasziniert mich ihr Zeugnis. Noch immer und immer wieder ermutigt es mich, mich von ihrem Beispiel inspirieren zu lassen. Auch wenn, nein: gerade weil ich mittlerweile um Licht UND Schatten auch bei ihnen weiss.

Es mag verlockend sein, im Gespräch mit anderen Kirchen – etwa im Kontext der laufenden Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum oder im Kontext der StopArmut-Kampagnen – auf unser Image als Bewegung zu pochen, die eine „radikalere Umkehr zum Evangelium“ zu praktizieren versuchte. Aber wir müssen uns wohl eingestehen, dass wir – wie so viele andere auch – mittlerweile mehr von unserer eigenen Trägheit, Ängstlichkeit und Angepasstheit geprägt sind, als von diesem radikalen christlichen Erbe.

Was uns aber neu miteinander verbinden könnte, das ist der Wunsch, über alle kirchlichen Grenzen hinweg gemeinsam zu einer solchen „radikaleren Umsetzung des Evangeliums“ zurückzufinden.

Dabei will ich mir die Warnung von Eberhard Arnold (1883–1935) durchaus zu Herzen nehmen, die er als einer ausgesprochen hat, der sich im Umfeld der Greuel der beiden Weltkriege ebenfalls anschickte, dieses radikale täuferische Erbe für seine Gegenwart zu entdecken und umzusetzen:

„Wenn wir bitten, dass das Reich Gottes komme, sollten wir innehalten und nach unserer Bereitschaft fragen, ob wir alle Veränderungen annehmen und vertreten wollen, welche die Herrschaft Gottes mit sich bringt.“

Diese Warnung möge uns vor Naivität, Leichtsinn und Selbstüberschätzung bewahren.
Aber ich hoffe, dass die Geschichte mit uns eine andere Wendung nimmt als beim „Reichen Jüngling“ im Lukas-Evangelium (18,18-23). Als der nämlich innegehalten und die Kosten der Jesus-Nachfolge überschlagen hat, da heisst es von ihm: „Dann wurde er tief betrübt, denn er war sehr reich“.

Wenn uns Reichtum und Besitz den Blick für das Evangelium zu verstellen beginnen, und uns das Herz verschliesst vor den Notleidenden (vgl. 1. Jo 3,17), dann tut es gut, durch eine simple Tageslosung (19. Oktober 2015) daran erinnert zu werden, dass Gott anders tickt, als diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, die mit „Sälber ässe macht feiss“-Parolen grosse Wahlsiege einfahren und in jedem Armen und in jedem Flüchtling zuerst eine Bedrohung der eigenen Sicherheit und des eigenen Wohlstandes sehen:

Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen. (Psalm 146,9)
Gott, der Vater, wird auf die rechte Art geehrt, wenn jemand den Waisen und Witwen in ihrer Not beisteht und sich nicht an dem ungerechten Treiben dieser Welt beteiligt.  (Jakobus 1,27)

Hanspeter Jecker
Fachstelle für täuferische Theologie und Geschichte
Bienenberg

Fussnote 1: Leonhard Ragaz: Der christliche Glaube (Dogmatik), Erstfassung der Vorlesung WS 1909/1910, S. 443 (zitiert in: Markus Mattmüller: Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd.1, Zollikon 1957, S. 209f.).

Migrationsgeschichten von damals und heute

Oder: Was das Schweizer Emmental mit Mexiko, Syrien und Eritrea zu tun hat

schniggenen

Hof Schniggenen bei Brenzikofen, Aufenthaltsort eines Zweiges der täuferischen Burkhalter-Familie mit zahlreichen Nachkommen in Europa und Nordamerika

Auf unserer Bienenberg-Website und in unserer Werbung sagen und schreiben wir es immer wieder: Der Bienenberg ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Vielfalt von Exkursionen zu Schauplätzen täuferisch-mennonitischer Geschichte und Gegenwart:

  • In wenig mehr als einer Stunde sind die meisten zentralen Stätten täuferischer Geschichte in der Schweiz, im Elsass und in Süddeutschland per Auto oder öffentlichem Verkehr erreichbar.
  • Ein eigenes Hotel und Restaurant garantieren optimale Unterkunft und Verpflegung.
  • Bibliothek und Archiv unseres Theologischen Seminars bieten zahlreiche Studien- und Vertiefungsmöglichkeiten.

Unsere Fachstelle für Theologie und Geschichte des Täufertums ist dabei die ideale Anlaufstelle für all diese Fragen und Themen.

Immer wieder kommt es dabei zu interessanten Kontakten und Begegnungen. Zu ihnen gehören oft auch Besucherinnen und Besucher aus Nordamerika. Es sind Nachkommen ausgewanderter oder auch ausgeschaffter Täuferinnen und Täufer auf der Suche nach ihren eigenen Wurzeln.  Weiterlesen

Täufergeschichte, Menschenrechte und Folterverbot

Folterung-des-Täufers-Geleijn-Cornelus-in-Breda-NL-um-1572Folter stellte nicht nur wie abgebildet in den Niederlanden, sondern auch in der Schweiz für viele Jahrhunderte ein gängiges Mittel dar, um missliebige Minderheiten gefügig zu machen. Dies galt auch für die Repression des Täufertums, dieser auf die Reformation zurückgehenden Bewegung kirchlicher Nonkonformisten.

Dass die Täufer Gottesdienstbesuch, Kirchenmitgliedschaft und Glaube von jeglichem obrigkeitlichen Zwang befreien wollten und sich weigerten, Kriegsdienst zu leisten und politischen Behörden bedingungslosen Gehorsam zu schwören, führte zu ihrer europaweiten Verfolgung.

Am längsten und härtesten traf es das Täufertum in Bern. Hier war es trotz Güterkonfiskationen, lebenlänglichen Haftstrafen, Deportationen und Ausschaffungen lange Zeit nicht gelungen, diese als Ketzer, Rebellen und Scheinheilige bezeichnete religiöse und gesellschaftliche Minderheit auszumerzen. Mitte 1714 griff die Obrigkeit der Aarestadt darum erneut zum Mittel der Galeerenstrafe, um „dieses Unkraut in unseren Landen auszuwurzeln“. Da dieses Verdikt mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Todesurteil auf Raten gleichkam, erreichte es die bezweckte Einschüchterung und Abschreckung der noch im Land befindlichen Täuferinnen und Täufer durchaus. Der anvisierte „Ekklesiozid des Täufertums“ schien endlich in erreichbare Nähe zu rücken…  Weiterlesen

Von Gesprächen über Gott und die Welt, oder: Do you offer anabaptist history tours?

Seit vielen Jahren wenden sich Nachkommen von früher aus der Schweiz vertriebenen oder ausgeschafften Täuferinnen und Täufern an das Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg mit der Anfrage, ob wir Exkursionen an wichtige Schauplätze der Täufergeschichte durchführen. Und da wir im Rahmen der Fächer Kirchen- und Täufergeschichte solche Ausflüge effektiv regelmässig in unseren Unterricht eingebaut haben, lag es nahe, diese Exkursionen auch für auswärtige Gruppen anzubieten.

Heute ist es ein fester Bestandteil dessen, was wir auf dem Bienenberg insbesondere im Rahmen der neuen „Fachstelle für Geschichte und Theologie des Täufertums“ tun. Ein grosses Plus solcher Exkursionen ist es immer wieder, dass man beim Nachdenken über die Geschichte der Täuferbewegung sehr rasch bei allen möglichen spannenden „Fragen über Gott und die Welt“ landet. Im Nu bewegt man sich nicht mehr einfach nur im 16. und 17. Jahrhundert, sondern ist konfrontiert mit Fragen wie:

  • Wofür lohnt es sich zu leben und sich einzusetzen?
  • Wie weit kann bei Glaubensüberzeugungen von guter und eindrücklicher Konsequenz gesprochen werden, und wo beginnt Sturheit?
  • Was spricht im Falle von Schwierigkeiten in Leben und Glauben jeweils für ein Durchhalten und Bleiben, was für ein Abbrechen und Weggehen?

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