Über Lukas Amstutz

Studium der Theologie am Theologischen Seminar Bienenberg (MA in Pastoral Ministries, University of Wales). Seit 2005 unterrichtet er am TS Bienenberg als Dozent für Biblische Theologie, Spiritualität und Praktische Theologie und ist Studienleiter des Grundstudiums. Davor war er Pastor der Mennonitengemeinde Zweibrücken (D) und Jugendsekretär der Konferenz der Schweizer Mennoniten. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Menge ist die Unwahrheit.

people-streetMenschen ändern ihre Meinung manchmal erstaunlich rasch. Daran erinnert uns in diesen Tagen auch das Kirchenjahr. An Palmsonntag hören wir die Geschichte, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet. Die Menschenmenge jubelt ihm begeistert zu. Nur fünf Tage später fordert sie aus einer Kehle den brutalen Kreuzestod.

Dieser radikale Meinungsumschwung hat unterschiedliche Gründe. Auffällig ist jedoch, dass Palmsonntag und Karfreitag die Massen anziehen. An Massenereignissen spielt das Erlebnis häufig eine wichtigere Rolle als der Inhalt. Es ist daher gar nicht so selten, dass Menschen in der Masse mitrufen oder gar mittun, was sie alleine niemals sagen oder machen würden.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) schrieb einst: „Menge ist die Unwahrheit. Darum wurde Christus gekreuzigt (…) Eine Menge zu gewinnen ist doch keine grosse Kunst; dazu braucht man nur etwas Talent, eine gewisse Dosis Unwahrheit und ein wenig Kenntnis von den menschlichen Leidenschaften.“

In der Tat: Wir Menschen sind unglaublich anfällig auf Stimmungsmache. Treten die richtigen Personen, zur richtigen Zeit mit den richtigen Ideen und Worten auf – dann gibt es schnell kein Halten mehr. Cäsaren, Diktatoren und Führer haben es schonungslos ausgenutzt, dass wir Menschen so gerne zur Masse gehören.

Anders als die Menschen, liess sich Jesus nicht manipulieren. Er hielt an seiner Gottes- und Menschenliebe fest. Weder Lobeshymnen noch Gewalt hinderten ihn daran, derjenige zu sein, der er war.

Quer durch die Jahrhunderte folgten Christinnen und Christen diesem Beispiel. Nicht immer machten sie dabei eine gute Figur. Aber zusammen mit Jesus selbst, ermutigen ihre Geschichten dazu, der Masse nicht unkritisch hinterherzulaufen. Sich an ihnen zu orientieren, scheint mir angesichts der Massentauglichkeit von AfD, SVP, Front National, FPÖ, usw. dringend geboten. Denn auf Palmsonntag folgt bekanntlich Karfreitag – manchmal schneller als gedacht.

Lukas Amstutz

Frauen reden viel. Männer auch.

photo-12Eine Studie wollte es genau wissen: Reden Frauen wirklich mehr als Männer? Die Antwort auf dieses gängige Vorurteil lautet: Nein. Durchschnittlich kommen pro Tag 16’000 Wörter über unsere Lippen. Ganz egal, ob wir Mann oder Frau sind. 16‘000 Wörter pro Tag – das ergibt über 100‘000 Wörter pro Woche. Viele davon sind belanglos. Aber längst nicht alle. Worte haben Kraft. Sie können Menschen aufbauen oder zerstören. Sie können Kriege auslösen oder Frieden stiften. Worte schaffen Realitäten.

Der Jakobusbrief meint dazu:
„Wir legen den Pferden das Zaumzeug ins Maul, damit sie uns gehorchen; so lenken wir das ganze Tier. Oder denkt an ein Schiff: Es ist groß und wird von starken Winden getrieben; trotzdem wird es mit einem winzigen Ruder gesteuert, wohin der Steuermann es haben will. Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt!“ (Jak 3,3-5).

Verschiedentlich war in den vergangenen Wochen zu hören, dass in der politischen Diskussion zunehmend aggressive Töne zu vernehmen sind. Der sonst so auf Harmonie bedachten Schweiz mag es ja nicht schaden, wenn in sachlichen Debatten dann und wann klare Voten fallen. Wenn jedoch andersdenkende Menschen beleidigt, persönlich angegriffen und diffamiert werden, ist dies nicht bloss unfair. Wir missbrauchen unsere Zunge und erschaffen mit unseren Worten ein vergiftetes gesellschaftliches Klima.

Gleiches gilt für so manche Diskussionen rund um die aktuelle Flüchtlingssituation. Dabei verschlagen mir vor allem Kommentare in den elektronischen Medien zuweilen die Sprache. Ich verstehe, dass die Flüchtlingsströme Angst, Unzufriedenheit und vielleicht auch Wut auslösen. Wie wir die auf uns zukommenden Herausforderungen alle meistern, weiss ich derzeit auch noch nicht. Aber eines weiss ich: Hetze ist keine Lösung. Sie ist brandgefährlich!

Noch bleibt es vielerorts bei schriftlichen Äusserungen. Aber je mehr diese Hasskommentare ins öffentliche Bewusstsein dringen, je häufiger sie ausgesprochen werden, desto mehr schaffen diese Worte neue Realitäten. Davon zeugen die jüngsten Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Deutschland. Unangenehm aktuell rufen sie in Erinnerung, was wir im Jakobusbrief lesen: Die menschliche Zunge gleicht einer kleinen Flamme, die einen grossen Waldbrand entfachen kann.

Wir sollten dies nicht schweigend hinnehmen. Es darf und muss nicht sein, dass Polemik die Diskussion bestimmt. Wir haben die Möglichkeit mit unserem Reden eine andere Realität zu schaffen. Pro Tag stehen uns dazu 16‘000 Wörter zur Verfügung. Anstatt Hass und Gewalt, können wir Verständnis und Frieden fördern. Mit Taten und Worten.
[Die Zunge] ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Nutzen wir sie und schaffen mit unseren Worten Realitäten, die dem Leben dienen!

Lukas Amstutz

PS Diese Gedanken habe ich ausführlicher auch in meiner letzten Radiopredigt geteilt. Nachzuhören auf: http://www.srf.ch/sendungen/predigt/ev-freik-lukas-amstutz

Kerze und Baustrahler

Licht der WeltIn diesen Advents- und Weihnachtstagen ist auch in kirchlichen Kreisen immer wieder vom Licht die Rede. Ein Motiv, entnommen aus biblischen Texten, die Gottes Ankunft in dieser Welt mit diesem Bild beschreiben. Eine Welt, über die sich so manch dunkle Schatten legen, wird von Christus, dem menschgewordenen Gottessohn, erhellt. Das ist die „gute neue Mär“, wie es im Mund der Engel im bekannten Weihnachtslied „Vom Himmel hoch“ von Martin Luther heisst.

Über die Leuchtkraft dieses Lichtes gibt es unterschiedliche Auffassungen. In vielen Liedern und Predigten leuchtet Jesus Christus vorwiegend in einem warmen Licht. Einer Kerze gleich, verbreitet er eine wohlige Atmosphäre. Ein Licht, das nicht blendet und nicht bloss stellt. Es zieht Menschen in seinen Bann, weckt Vertrauen. Menschen spüren: Bei diesem Jesus bin ich angenommen. Hier fühle ich mich sicher.

Mitunter verkommt dieses behagliche Licht aber zum Kitsch. Wenn das liebliche, süsse und zarte Kindelein besungen wird, ist dies fern jener oft unseligen Zustände der Welt, in die hinein Jesus geboren wird. Das Kind in der Krippe gibt sich denn auch nicht mit entzückten „Jöö“-Lauten zufrieden. Weiterlesen

Aus Liebe verzichten

gemtafVom 29. Mai bis 1. Juni fand in Krefeld unter dem Motto „Das Eigene lieben – den Anderen achten“ der 12. Mennonitische Gemeindetag statt (http://www.gemeindetag.mennoniten.de). Wie gehen wir in einer Gemeinde mit unterschiedlichen theologischen und ethischen Positionen um? Diese Frage stand dort im Zentrum einer Bibelarbeit zu 1Kor 9,19-23, die ich mit Jonas Widmer (Hamburg) gehalten habe.
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Mehr als Sterben – Gedanken zu Karfreitag

Kreuz01Die Karwoche steht vor der Tür. Damit rücken Leiden und Sterben Jesu ins Zentrum vieler Gottesdienste. Der Tod Jesu „für uns“ wird in der christlichen Tradition jedoch weit über die Passionszeit hinaus verkündigt. Oft geschieht dies in einem theologischen Denksystem, das den Eindruck erweckt: Jesus wurde lediglich geboren, um zu sterben. Diese Reduktion halte ich nicht für biblisch. Denn in den Evangelien gehört Jesu Tod untrennbar zu seinem Leben. Beispielhaft will ich dies am Bericht des Evangelisten Lukas illustrieren.

Es sind zunächst die „führenden Männer des Volkes“, die mit beissendem Spott an das Leben Jesu erinnern (Lk 23,35). Daran, wie Jesus Menschen geholfen hat. Sie geheilt und zurück ins Leben geführt hat. Daran, dass er schon zu Lebzeiten (!) Menschen die Sünden vergab (Lk 5,20; 7,48) und sich als Gesandter Gottes verstand. Seine Kritiker haben ihm nie geglaubt – und das Kreuz scheint ihnen Recht zu geben. Doch der Verspottete bleibt nicht passiv. Er betet: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Mit diesen Worten knüpft Jesus nahtlos an seiner Botschaft der Feindesliebe an (Lk 6,27f.). Wie während seines ganzen Lebens, rechnet Jesus auch in seinem Sterben mit Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für jenes seiner Peiniger.  Weiterlesen