Vor der eigenen Türe wischen – Ein Plädoyer für Demut und selbstkritische Bescheidenheit

Jecker - Abb1 - Boll-Christenlichs Bedencken 1615 - TitelblattAlles besser wissen und selber immer recht haben wollen ist das eine, am andern keinen guten Faden lassen, das andere. Hie Freund, dort Feind – seit Jahrhunderten sind dies bewährte Zutaten für Konflikt und Streit, Diskriminierung und Krieg. Tragisch dabei ist, dass in der Geschichte sehr oft Hardliner den Ton angegeben haben. Selbstkritische Stimmen, Brückenbauer und auf Ausgleich und Versöhnung zielende Personen fanden meist kaum Gehör. Weder in der Politik, noch leider allzu oft auch in den Kirchen…

Umso eindrücklicher sind Menschen, die es dennoch geschafft haben, sich zwischen den Fronten zu positionieren und sich bisweilen auch Gehör zu verschaffen.

Eine solche Person ist der aus dem zürcherischen Stein am Rhein stammende Hans Jakob Boll. In diesen Tagen sind es genau 400 Jahre her, seit eine kleine Schrift von ihm (fast) landesweit Aufsehen erregt hat. Anlass dazu war die von der reformierten Zürcher Obrigkeit – mit Zustimmung der Kirche – vollstreckte Hinrichtung des Täufers Hans Landis im Herbst 1614. Weiterlesen

Von Lichterorgien, dem Glanz auf dem verfluchten Acker und den Waffen des Lichts

lampeEhrlich gesagt, mir wird das langsam zu viel. Mir gehen sie auf die Nerven. Seit Wochen diese Lichter überall. Aufdringlich leuchtet und blinkt es. Blau. Grün. Rot. Weiss. Kalt weiss. Quadratmeterweise Lichterorgien. Und jetzt auch noch ganze illuminierte Gebilde und Szenen im Vorgarten. Die Globalisierung macht noch nicht mal vor Rentieren halt. Den vor Jahren erstmals entdeckten, sich an der Wand hochziehenden, Nikolaus fand ich noch lustig. Mittlerweile öden diese strangulierten Kerle mich an, selbst wenn sie beleuchtet sind. Und dann auch noch diese Absurdität auf einem Hausdach: Eine meterhohe Konstruktion lässt einen Engel 24 Stunden pro Tag schwebend rotieren – nachts natürlich beleuchtet. Mir wird schwindelig! Vorbei sind die Zeiten, in denen ein paar schimmernde Kerzen oder Lichter hier und dort einen heimeligen Glanz in die Dunkelheit zauberten. Es funkelt nichts mehr. Es blinkt nur noch. Mit Licht protzen ist angesagt. Gibt es da irgend einen Lichter-Wettbewerb den ich nicht kenne? Oder zahlen die Stromversorger neuerdings Prämien für die verwendete Anzahl von Glühbirnchen? Müsste man nächstes Jahr vielleicht eine „Aktion Lichterfasten“ starten? Oder eine AUA-Kampagne: „Artgerechter Umgang mit dem Advent“? Oder ein Projekt „Dunkle Nacht – himmlische Nacht“?

Dabei hat die Sache mit dem Licht ja eigentlich etwas. Es macht die Nacht zum Tag. Nicht künstlich, sondern in echt. Naturwissenschaftlich gesehen ist Finsternis die Abwesenheit von Licht. Gegen das Licht ist die Finsternis machtlos. Diese simple Feststellung fasziniert mich. Selbst ein Glühwürmchen ist ein Angriff auf die Finsternis – von einer Kerze ganz zu schweigen.  Weiterlesen

Eine radikalere Umkehr zum Evangelium

oder: Von Täufern, Reformationsjubiläen und grossen Wahlsiegen

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Es gibt Sätze, die höre ich gern. Es gibt Sätze, die habe ich mir bereits vor vielen Jahren in Büchern rot angestrichen. Wenn diese Sätze dann auch noch von bekannten Persönlichkeiten stammen, umso besser. Ein solcher Satz ist der folgende: „Die Täufer wollen in mancher Beziehung eine radikalere Umkehr zu Evangelium und Urchristentum als die andere Reformation“.1
Er stammt vom reformierten Schweizer Theologen Leonhard Ragaz (1868-1945), einem Hauptbegründer der religiös-sozialen Bewegung.

Natürlich gefallen nicht allen solche Aussagen. Weder damals noch heute. Vor allem wenn deutlich wird, worin Ragaz diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ konkret sieht.
Für ihn sind nämlich gewisse Texte der Bibel zentral, die für andere eher zur Kategorie „nice to have“ oder „Jetzt wollen wir doch mal nicht gleich übertreiben!“ zählen und entsprechend rasch vom Tisch sind.

Die biblischen Aufrufe zu Nächsten- und Feindesliebe, zu Schutz und Fürsorge für Flüchtlinge und Fremde, das Gebot des Erlassjahres (Lev 25), die Bergpredigt, die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde (Apg 2 und 4) etc. sind für Ragaz zentrale Impulse und Verpflichtung für Menschen, die das Evangelium in eine von Eigennutz und „Mammonkult“ geprägte Gesellschaft tragen möchten.
Und für genau diese Art von „radikalerer Umkehr zum Evangelium“ standen nach Ragaz also die Täufer.

Das Theologische Seminar Bienenberg steht in der täuferischen Tradition. Ich selber unterrichte seit vielen Jahren hier. Und im Rahmen meiner kirchengeschichtlichen Forschungen befasse ich mich seit langem intensiv mit dem Leben und Glauben von Täuferinnen und Täufern, die genau diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ quer durch die Jahrhunderte zu praktizieren versuchten. Noch immer und immer wieder fasziniert mich ihr Zeugnis. Noch immer und immer wieder ermutigt es mich, mich von ihrem Beispiel inspirieren zu lassen. Auch wenn, nein: gerade weil ich mittlerweile um Licht UND Schatten auch bei ihnen weiss.

Es mag verlockend sein, im Gespräch mit anderen Kirchen – etwa im Kontext der laufenden Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum oder im Kontext der StopArmut-Kampagnen – auf unser Image als Bewegung zu pochen, die eine „radikalere Umkehr zum Evangelium“ zu praktizieren versuchte. Aber wir müssen uns wohl eingestehen, dass wir – wie so viele andere auch – mittlerweile mehr von unserer eigenen Trägheit, Ängstlichkeit und Angepasstheit geprägt sind, als von diesem radikalen christlichen Erbe.

Was uns aber neu miteinander verbinden könnte, das ist der Wunsch, über alle kirchlichen Grenzen hinweg gemeinsam zu einer solchen „radikaleren Umsetzung des Evangeliums“ zurückzufinden.

Dabei will ich mir die Warnung von Eberhard Arnold (1883–1935) durchaus zu Herzen nehmen, die er als einer ausgesprochen hat, der sich im Umfeld der Greuel der beiden Weltkriege ebenfalls anschickte, dieses radikale täuferische Erbe für seine Gegenwart zu entdecken und umzusetzen:

„Wenn wir bitten, dass das Reich Gottes komme, sollten wir innehalten und nach unserer Bereitschaft fragen, ob wir alle Veränderungen annehmen und vertreten wollen, welche die Herrschaft Gottes mit sich bringt.“

Diese Warnung möge uns vor Naivität, Leichtsinn und Selbstüberschätzung bewahren.
Aber ich hoffe, dass die Geschichte mit uns eine andere Wendung nimmt als beim „Reichen Jüngling“ im Lukas-Evangelium (18,18-23). Als der nämlich innegehalten und die Kosten der Jesus-Nachfolge überschlagen hat, da heisst es von ihm: „Dann wurde er tief betrübt, denn er war sehr reich“.

Wenn uns Reichtum und Besitz den Blick für das Evangelium zu verstellen beginnen, und uns das Herz verschliesst vor den Notleidenden (vgl. 1. Jo 3,17), dann tut es gut, durch eine simple Tageslosung (19. Oktober 2015) daran erinnert zu werden, dass Gott anders tickt, als diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, die mit „Sälber ässe macht feiss“-Parolen grosse Wahlsiege einfahren und in jedem Armen und in jedem Flüchtling zuerst eine Bedrohung der eigenen Sicherheit und des eigenen Wohlstandes sehen:

Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen. (Psalm 146,9)
Gott, der Vater, wird auf die rechte Art geehrt, wenn jemand den Waisen und Witwen in ihrer Not beisteht und sich nicht an dem ungerechten Treiben dieser Welt beteiligt.  (Jakobus 1,27)

Hanspeter Jecker
Fachstelle für täuferische Theologie und Geschichte
Bienenberg

Fussnote 1: Leonhard Ragaz: Der christliche Glaube (Dogmatik), Erstfassung der Vorlesung WS 1909/1910, S. 443 (zitiert in: Markus Mattmüller: Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd.1, Zollikon 1957, S. 209f.).

Was Denken mit Menschsein zu hat – oder auch nicht

„Was ist der Mensch“? heisst es staunend im Psalm 8. Vor 400 Jahren unterschied John Locke als erster zwischen der Spezies Mensch als Lebewesen und Person – und beschrieb die Person als denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt, das ein Bewusstsein hat und denken kann. Andere sagen heute: das Lebewesen Mensch ist nur dann eine Person, wenn es Interessen hat und diese abwägen und vertreten kann. Person ist ein Mensch nur insoweit, als er oder sie in der Lage ist, willentlich ein bestimmtes Ziel zu erreichen, vernünftige Gründe dafür zu benennen und abzuwägen und sich bewusst zwischen Alternativen entscheiden zu können. (Peter Singer, Präferenz-Utilitarismus) Dazu passt, dass Unabhängigkeit (Autonomie/Freiheit) und Leistung heute verstanden werden als entscheidende Faktoren für ein menschenwürdiges selbstbestimmten Leben und für Lebensqualität. Dieses Verständnis beeinflusst auch das gesellschaftliche Leitbild im Blick auf Menschen mit Demenz, Behinderungen, oder in der Diskussion um Embryonenforschung, vorgeburtliches Leben und Abtreibung oder Koma-Patienten. Denn wenn ein Mensch kein Mensch (mehr) ist, weil er oder sie keine intellektuellen Fähigkeiten, keine Leistungsfähigkeit besitzt und nicht – oder nicht mehr- selbstbestimmt leben kann, dann überrascht es nicht wirklich, wenn heute manche Bioethiker bei Nicht-Vorhandensein dieser Merkmale von „nichtpersonalen Menschen, deren Auslöschung ethisch gerechtfertigt sei“ sprechen. Weiterlesen

Judas Iskarioth – Heimtücke oder Sündenbock oder….?

judasWir kommen von Ostern her und in all dem Geschehen gibt es einen Mann, der meist  schlecht wegkommt: Judas Iskarioth – mit ihm verbinden Christen wie Nichtchristen Verrat, Geldgier, Ungeduld und Hinterlist.

 Wer war dieser Judas Iskarioth?

  • Er war einer der Jünger Jesu, seiner engsten Vertrauten. In keiner Aufzählung der 12 Jünger fehlt er, verwaltete die gemeinsame Kasse (Joh.12). Geldverschwendung war ihm zuwider (Joh 12:4).
  • Viele Ausleger vermuten, dass Judas Mitglied der jüdischen Befreiungsbewegung der Zeloten war, die nach Art eines Guerillakampfes Attentate gegen römische Beamten und Soldaten verübten.
  • Er verriet Jesus für dreißig Silberlinge an die religiösen Machthaber von damals verraten, die ihn aus dem Weg haben wollten (Mt 26: 14b – 16). Manche Bibeltexte erklären Judas` Tat damit, dass er vom Satan besessen gewesen sei (Lk 22:3).
  • Später brachte sich Judas um, weil er seinen Verrat als grosse Schuld einschätzte (Mt 27:3-5).

Ist damit alles gesagt und alles klar? Ich glaube, kaum!

Meist wird er als der „… Judas Iskariot, der ihn verriet!“ qualifiziert. Kein Wunder- die Berichte wurden allesamt nach dem Tod und der Auferstehung Jesu schriftlich verfasst. Hat man ihn zum Sündenbock gemacht, weil es so erklärbarer war, was er tat?

Was, wenn Judas nur um seines Freimuts oder seiner Andersartigkeit willen verdammt wurde – wie so viele andere ein Sündenbock? Weiterlesen