Menge ist die Unwahrheit.

people-streetMenschen ändern ihre Meinung manchmal erstaunlich rasch. Daran erinnert uns in diesen Tagen auch das Kirchenjahr. An Palmsonntag hören wir die Geschichte, wie Jesus auf einem Esel nach Jerusalem reitet. Die Menschenmenge jubelt ihm begeistert zu. Nur fünf Tage später fordert sie aus einer Kehle den brutalen Kreuzestod.

Dieser radikale Meinungsumschwung hat unterschiedliche Gründe. Auffällig ist jedoch, dass Palmsonntag und Karfreitag die Massen anziehen. An Massenereignissen spielt das Erlebnis häufig eine wichtigere Rolle als der Inhalt. Es ist daher gar nicht so selten, dass Menschen in der Masse mitrufen oder gar mittun, was sie alleine niemals sagen oder machen würden.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) schrieb einst: „Menge ist die Unwahrheit. Darum wurde Christus gekreuzigt (…) Eine Menge zu gewinnen ist doch keine grosse Kunst; dazu braucht man nur etwas Talent, eine gewisse Dosis Unwahrheit und ein wenig Kenntnis von den menschlichen Leidenschaften.“

In der Tat: Wir Menschen sind unglaublich anfällig auf Stimmungsmache. Treten die richtigen Personen, zur richtigen Zeit mit den richtigen Ideen und Worten auf – dann gibt es schnell kein Halten mehr. Cäsaren, Diktatoren und Führer haben es schonungslos ausgenutzt, dass wir Menschen so gerne zur Masse gehören.

Anders als die Menschen, liess sich Jesus nicht manipulieren. Er hielt an seiner Gottes- und Menschenliebe fest. Weder Lobeshymnen noch Gewalt hinderten ihn daran, derjenige zu sein, der er war.

Quer durch die Jahrhunderte folgten Christinnen und Christen diesem Beispiel. Nicht immer machten sie dabei eine gute Figur. Aber zusammen mit Jesus selbst, ermutigen ihre Geschichten dazu, der Masse nicht unkritisch hinterherzulaufen. Sich an ihnen zu orientieren, scheint mir angesichts der Massentauglichkeit von AfD, SVP, Front National, FPÖ, usw. dringend geboten. Denn auf Palmsonntag folgt bekanntlich Karfreitag – manchmal schneller als gedacht.

Lukas Amstutz

Frauen reden viel. Männer auch.

photo-12Eine Studie wollte es genau wissen: Reden Frauen wirklich mehr als Männer? Die Antwort auf dieses gängige Vorurteil lautet: Nein. Durchschnittlich kommen pro Tag 16’000 Wörter über unsere Lippen. Ganz egal, ob wir Mann oder Frau sind. 16‘000 Wörter pro Tag – das ergibt über 100‘000 Wörter pro Woche. Viele davon sind belanglos. Aber längst nicht alle. Worte haben Kraft. Sie können Menschen aufbauen oder zerstören. Sie können Kriege auslösen oder Frieden stiften. Worte schaffen Realitäten.

Der Jakobusbrief meint dazu:
„Wir legen den Pferden das Zaumzeug ins Maul, damit sie uns gehorchen; so lenken wir das ganze Tier. Oder denkt an ein Schiff: Es ist groß und wird von starken Winden getrieben; trotzdem wird es mit einem winzigen Ruder gesteuert, wohin der Steuermann es haben will. Ebenso ist es mit der Zunge: Sie ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Denkt daran, wie klein die Flamme sein kann, die einen großen Wald in Brand setzt!“ (Jak 3,3-5).

Verschiedentlich war in den vergangenen Wochen zu hören, dass in der politischen Diskussion zunehmend aggressive Töne zu vernehmen sind. Der sonst so auf Harmonie bedachten Schweiz mag es ja nicht schaden, wenn in sachlichen Debatten dann und wann klare Voten fallen. Wenn jedoch andersdenkende Menschen beleidigt, persönlich angegriffen und diffamiert werden, ist dies nicht bloss unfair. Wir missbrauchen unsere Zunge und erschaffen mit unseren Worten ein vergiftetes gesellschaftliches Klima.

Gleiches gilt für so manche Diskussionen rund um die aktuelle Flüchtlingssituation. Dabei verschlagen mir vor allem Kommentare in den elektronischen Medien zuweilen die Sprache. Ich verstehe, dass die Flüchtlingsströme Angst, Unzufriedenheit und vielleicht auch Wut auslösen. Wie wir die auf uns zukommenden Herausforderungen alle meistern, weiss ich derzeit auch noch nicht. Aber eines weiss ich: Hetze ist keine Lösung. Sie ist brandgefährlich!

Noch bleibt es vielerorts bei schriftlichen Äusserungen. Aber je mehr diese Hasskommentare ins öffentliche Bewusstsein dringen, je häufiger sie ausgesprochen werden, desto mehr schaffen diese Worte neue Realitäten. Davon zeugen die jüngsten Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Deutschland. Unangenehm aktuell rufen sie in Erinnerung, was wir im Jakobusbrief lesen: Die menschliche Zunge gleicht einer kleinen Flamme, die einen grossen Waldbrand entfachen kann.

Wir sollten dies nicht schweigend hinnehmen. Es darf und muss nicht sein, dass Polemik die Diskussion bestimmt. Wir haben die Möglichkeit mit unserem Reden eine andere Realität zu schaffen. Pro Tag stehen uns dazu 16‘000 Wörter zur Verfügung. Anstatt Hass und Gewalt, können wir Verständnis und Frieden fördern. Mit Taten und Worten.
[Die Zunge] ist nur klein und bringt doch gewaltige Dinge fertig. Nutzen wir sie und schaffen mit unseren Worten Realitäten, die dem Leben dienen!

Lukas Amstutz

PS Diese Gedanken habe ich ausführlicher auch in meiner letzten Radiopredigt geteilt. Nachzuhören auf: http://www.srf.ch/sendungen/predigt/ev-freik-lukas-amstutz

„Rock on“

rock-onIch bin das erste Mal auf dem mennonitischen Weltkongress. Es war spannend zu sehen, wie Menschen aus aller Welt ihren Glauben leben und ausdrücken. Eindrücklich war der Vortrag von Bruxy Cavey, Pastor aus Kanada. Er hat auf den Punkt gebracht, warum Mennoniten sich als eine Friedenskirche sehen, deren zentraler Wert es ist, Kirche für andere zu sein: Als Jesus die Frage nach dem höchsten Gebot beantwortet, setzt er dem Gebot, Gott zu lieben, noch das Gebot hinzu, den Nächsten zu lieben.

„Es ist, als ob Gott gewusst hätte, dass der religiöse Reflex der Person, mit der er sprach – der in uns allen steckt, so aussieht, dass wir Gott so sehr in den Blick nehmen, dass wir dies als eine Ausrede benutzen, die Menschen um uns herum nicht zu lieben. … Wir können die Liebe Gottes als Ausrede für alles Mögliche benutzen: Um uns und andere in die Luft zu jagen aus Liebe zu Gott, um andere zu foltern, uns in Kriege zu stürzen, … wir können uns so sehr auf Gott konzentrieren, dass es einfach richtiger erscheint, die Menschen um uns herum zu ignorieren. Es ist auch schwer gegen ‚mehr Zeit mit Gott‘, ‚mehr Gebet‘ und ‚mehr persönliches Bibelstudium‘ zu argumentieren – es scheint einfach so heilig! … Aber Jesus sagt: Ich lass euch damit nicht durchkommen: Ihr sollt Gott lieben UND euren Nächsten wie euch selbst. Und wenn du das Eine nicht tust, belügst du dich selbst was das Andere angeht.

Liebe ist nicht nur ‚keine schlechten Dinge tun‘. Liebe ergreift die Initiative, anderen Gutes zu tun. … Liebe ist mehr als nur nett sein.“ Cavey erzählt dann von einem Gespräch mit seinen Töchtern: „Da lag ein großer Stein und ich sagte: ‚Seht ihr diesen Stein? Liebt der irgendjemanden?‘ ‚Nein, Steine können nicht lieben!‘, antworteten sie. ‚Aber, tut er irgendjemandem etwas Böses?‘ – Der Stein liegt einfach da. Steine tun nichts Böses. Es ist nur, sie tun auch nichts Gutes.“ Und ein paar Lichter gingen meinen Mädchen auf, dass Liebe nicht nur bedeutet, das Schlechte zu meiden, sondern die Initiative zu ergreifen und über die Ethik eines Steins hinauszugehen (wörtlich: „go beyond the ethic of a rock“). In diesem Sommer wurde deswegen folgender Satz zu unserm Familienmotto: ‚Rock on! – Go beyond the ethic of a rock!'“

Ich möchte mehr sein, als ein Stein, der sich von der Liebe Gottes erwärmen lässt, der aber selbst nichts für andere tut. Gottes Liebe und die Liebe zu Gott, macht lebendig und aktiv – für den Nächsten. Damals fragten die Menschen Jesus: „Wer ist denn mein Nächster?“ Und auch wenn ich die Geschichte des „Barmherzigen Samariters“ schon zig Mal gehört habe: Ich merke, dass dich diese Frage immer mal wieder stellen muss. Manchmal ist es ein Verletzter am Straßenrand. Manchmal ist es eines meiner Kinder, das meine Zeit und Aufmerksamkeit benötigt. Indem, was ich tue, zeigt sich meine Liebe zu Gott. Und das bedeutet für mich: Rock on! Go beyond the ethic of a rock!

Marcus Weiand

Der Sonntagsärger

sun-treesSonntagfrüh. Gottesdienst. Die Sonne scheint. Der Frühling kommt. Kurz vor dem Gottesdienst gibt es noch etwas zu organisieren. „Ein Schiessdreck ist das“, sagt mir jemand. Es sei nicht klar genug, was wir da organisieren. Ich bin baff und beschwichtige und entschuldige mich. Das mache ich immer, wenn ich überrascht werde.

Anfangs, als wir noch neu im Markgräfler Land nahe der Schweizer Grenze waren, musste ich noch schmunzeln, wenn ich im Aldi am Wühltisch von Schweizer oder Markgräfler Bürgern das Wort „Schiessdreck“ hörte. Es klang in meinem Ohren viel harmloser als das hochdeutsche Äquivalent. Inzwischen ist das etwas verflogen und der Niedlichkeitsfaktor ist fast verschwunden.

Sonntagmittag. Ich beginne, mich zu ärgern. Immer dieses Beschwichtigen. Das nächste Mal schieße ich auch zurück. Ich muss an das Seminar denken, dass meine Kollegin und ich zwei Tage zuvor gehalten hatten: Selbstführung am Arbeitsplatz. Selbstführung, damit ich im Trubel des Alltags dennoch nach meinen Werten und Grundüberzeugungen handle. Ich ahne, dass ich mich an diesem Sonntagfrüh nicht gut geleitet habe.

„Handelt nicht reaktiv“, sagten wir den Teilnehmern. Reaktiv sein bedeutet, dass die Handlung anderer deine Reaktion bestimmt: Beschimpft mich jemand so zahle ich es sofort zurück. Oder auch das: Werde ich beleidigt, beschwichtige ich rasch. Beide Reaktionen haben gemeinsam, dass mir im Nachhinein einfällt, was ich noch besseres hätte tun können.

„Selbstdifferenziert“ ist der Gegenbegriff. Das bedeutet: Meine Werte und Überzeugungen sollen bestimmen, was ich tue und sage. Andere zu beschimpfen gehört eigentlich nicht zu meinen Werten und Grundüberzeugungen. Beleidigungen zu tolerieren und zu beschwichtigen, allerdings auch nicht. Aber was dann?

In Eph 4,15 steht: Lasst uns aber die Wahrheit leben in Liebe. (Elberfelder Übersetzung).

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Vom Unterschied zwischen „Toten“ und „unschuldigen Opfern“

Da lese ich es schon wieder! Und im Radio höre ich es. Und im Fernsehen. „Unschuldige Menschen werden wie Hühner geschlachtet.“Immer wieder wird der Tod von unschuldigen Menschen und unschuldigen Opfern beklagt. In der Tat. Das ist auch zu beklagen – und mehr als das. Es schreit zum Himmel, was hier und dort geschieht. Und ich bin mir bewusst wie heikel es ist, die Berichterstattung über den gewaltsamen Tod und das Leid von Menschen in irgendeiner Weise zu kommentieren. Doch mir stösst die Rede von „unschuldigen Menschen“ und „unschuldigen Opfern“ sauer auf. Ich kann es nicht mehr hören. Denn offenbar gibt es einerseits Tote zu beklagen. Und andererseits gibt es unschuldige Menschen, die der Gewalt zum Opfer fallen.

Was genau macht die einen denn zu „Toten“ und die anderen zu „unschuldigen Opfern“? Tote sind augenscheinlich vor allem Soldaten, besser gesagt Menschen, die in Kampfhandlungen verwickelt sind. Unschuldige Opfer hingegen sind offenbar Menschen, die nicht aktiv an dem Geschehen beteiligt waren oder sich nicht entsprechend wehren konnten. Was soll eine derartige Unterscheidung uns sagen? Warum sollte man Menschen so einteilen? Soll ich etwa daraus schliessen, dass ein mit Waffen kämpfender Mensch schuldig ist? Und Zivilisten unschuldig, weil sie keine Waffen tragen?

Soldaten sind Menschen. So genannte Terroristen sind Menschen. Zivilisten sind Menschen. Wie auch immer sie ums Leben kamen – es sind Tote! Theologisch gesprochen Ebenbilder Gottes. Ob durch Maschinengewehr, Granaten, Raketen, Drohnen oder Messer getötet. Sie sind Opfer! Ob es ein Befehl war, Rache, kaltes Kalkül oder „Kollateralschaden“ – sie sind Opfer! Jede und jeder Einzelne ein getötetes Ebenbild Gottes. Und jedes einzelne Opfer ist zu beklagen. Weiterlesen