Eine radikalere Umkehr zum Evangelium

oder: Von Täufern, Reformationsjubiläen und grossen Wahlsiegen

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Titelblatt einer alten Froschauer-Bibel (Zürich 1536), Quelle der Inspiration für Generationen von Täuferinnen und Täufern

Es gibt Sätze, die höre ich gern. Es gibt Sätze, die habe ich mir bereits vor vielen Jahren in Büchern rot angestrichen. Wenn diese Sätze dann auch noch von bekannten Persönlichkeiten stammen, umso besser. Ein solcher Satz ist der folgende: „Die Täufer wollen in mancher Beziehung eine radikalere Umkehr zu Evangelium und Urchristentum als die andere Reformation“.1
Er stammt vom reformierten Schweizer Theologen Leonhard Ragaz (1868-1945), einem Hauptbegründer der religiös-sozialen Bewegung.

Natürlich gefallen nicht allen solche Aussagen. Weder damals noch heute. Vor allem wenn deutlich wird, worin Ragaz diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ konkret sieht.
Für ihn sind nämlich gewisse Texte der Bibel zentral, die für andere eher zur Kategorie „nice to have“ oder „Jetzt wollen wir doch mal nicht gleich übertreiben!“ zählen und entsprechend rasch vom Tisch sind.

Die biblischen Aufrufe zu Nächsten- und Feindesliebe, zu Schutz und Fürsorge für Flüchtlinge und Fremde, das Gebot des Erlassjahres (Lev 25), die Bergpredigt, die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde (Apg 2 und 4) etc. sind für Ragaz zentrale Impulse und Verpflichtung für Menschen, die das Evangelium in eine von Eigennutz und „Mammonkult“ geprägte Gesellschaft tragen möchten.
Und für genau diese Art von „radikalerer Umkehr zum Evangelium“ standen nach Ragaz also die Täufer.

Das Theologische Seminar Bienenberg steht in der täuferischen Tradition. Ich selber unterrichte seit vielen Jahren hier. Und im Rahmen meiner kirchengeschichtlichen Forschungen befasse ich mich seit langem intensiv mit dem Leben und Glauben von Täuferinnen und Täufern, die genau diese „radikalere Umkehr zum Evangelium“ quer durch die Jahrhunderte zu praktizieren versuchten. Noch immer und immer wieder fasziniert mich ihr Zeugnis. Noch immer und immer wieder ermutigt es mich, mich von ihrem Beispiel inspirieren zu lassen. Auch wenn, nein: gerade weil ich mittlerweile um Licht UND Schatten auch bei ihnen weiss.

Es mag verlockend sein, im Gespräch mit anderen Kirchen – etwa im Kontext der laufenden Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum oder im Kontext der StopArmut-Kampagnen – auf unser Image als Bewegung zu pochen, die eine „radikalere Umkehr zum Evangelium“ zu praktizieren versuchte. Aber wir müssen uns wohl eingestehen, dass wir – wie so viele andere auch – mittlerweile mehr von unserer eigenen Trägheit, Ängstlichkeit und Angepasstheit geprägt sind, als von diesem radikalen christlichen Erbe.

Was uns aber neu miteinander verbinden könnte, das ist der Wunsch, über alle kirchlichen Grenzen hinweg gemeinsam zu einer solchen „radikaleren Umsetzung des Evangeliums“ zurückzufinden.

Dabei will ich mir die Warnung von Eberhard Arnold (1883–1935) durchaus zu Herzen nehmen, die er als einer ausgesprochen hat, der sich im Umfeld der Greuel der beiden Weltkriege ebenfalls anschickte, dieses radikale täuferische Erbe für seine Gegenwart zu entdecken und umzusetzen:

„Wenn wir bitten, dass das Reich Gottes komme, sollten wir innehalten und nach unserer Bereitschaft fragen, ob wir alle Veränderungen annehmen und vertreten wollen, welche die Herrschaft Gottes mit sich bringt.“

Diese Warnung möge uns vor Naivität, Leichtsinn und Selbstüberschätzung bewahren.
Aber ich hoffe, dass die Geschichte mit uns eine andere Wendung nimmt als beim „Reichen Jüngling“ im Lukas-Evangelium (18,18-23). Als der nämlich innegehalten und die Kosten der Jesus-Nachfolge überschlagen hat, da heisst es von ihm: „Dann wurde er tief betrübt, denn er war sehr reich“.

Wenn uns Reichtum und Besitz den Blick für das Evangelium zu verstellen beginnen, und uns das Herz verschliesst vor den Notleidenden (vgl. 1. Jo 3,17), dann tut es gut, durch eine simple Tageslosung (19. Oktober 2015) daran erinnert zu werden, dass Gott anders tickt, als diejenigen gesellschaftlichen Kräfte, die mit „Sälber ässe macht feiss“-Parolen grosse Wahlsiege einfahren und in jedem Armen und in jedem Flüchtling zuerst eine Bedrohung der eigenen Sicherheit und des eigenen Wohlstandes sehen:

Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen. (Psalm 146,9)
Gott, der Vater, wird auf die rechte Art geehrt, wenn jemand den Waisen und Witwen in ihrer Not beisteht und sich nicht an dem ungerechten Treiben dieser Welt beteiligt.  (Jakobus 1,27)

Hanspeter Jecker
Fachstelle für täuferische Theologie und Geschichte
Bienenberg

Fussnote 1: Leonhard Ragaz: Der christliche Glaube (Dogmatik), Erstfassung der Vorlesung WS 1909/1910, S. 443 (zitiert in: Markus Mattmüller: Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd.1, Zollikon 1957, S. 209f.).

Was Denken mit Menschsein zu hat – oder auch nicht

„Was ist der Mensch“? heisst es staunend im Psalm 8. Vor 400 Jahren unterschied John Locke als erster zwischen der Spezies Mensch als Lebewesen und Person – und beschrieb die Person als denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt, das ein Bewusstsein hat und denken kann. Andere sagen heute: das Lebewesen Mensch ist nur dann eine Person, wenn es Interessen hat und diese abwägen und vertreten kann. Person ist ein Mensch nur insoweit, als er oder sie in der Lage ist, willentlich ein bestimmtes Ziel zu erreichen, vernünftige Gründe dafür zu benennen und abzuwägen und sich bewusst zwischen Alternativen entscheiden zu können. (Peter Singer, Präferenz-Utilitarismus) Dazu passt, dass Unabhängigkeit (Autonomie/Freiheit) und Leistung heute verstanden werden als entscheidende Faktoren für ein menschenwürdiges selbstbestimmten Leben und für Lebensqualität. Dieses Verständnis beeinflusst auch das gesellschaftliche Leitbild im Blick auf Menschen mit Demenz, Behinderungen, oder in der Diskussion um Embryonenforschung, vorgeburtliches Leben und Abtreibung oder Koma-Patienten. Denn wenn ein Mensch kein Mensch (mehr) ist, weil er oder sie keine intellektuellen Fähigkeiten, keine Leistungsfähigkeit besitzt und nicht – oder nicht mehr- selbstbestimmt leben kann, dann überrascht es nicht wirklich, wenn heute manche Bioethiker bei Nicht-Vorhandensein dieser Merkmale von „nichtpersonalen Menschen, deren Auslöschung ethisch gerechtfertigt sei“ sprechen. Weiterlesen

„Rock on“

rock-onIch bin das erste Mal auf dem mennonitischen Weltkongress. Es war spannend zu sehen, wie Menschen aus aller Welt ihren Glauben leben und ausdrücken. Eindrücklich war der Vortrag von Bruxy Cavey, Pastor aus Kanada. Er hat auf den Punkt gebracht, warum Mennoniten sich als eine Friedenskirche sehen, deren zentraler Wert es ist, Kirche für andere zu sein: Als Jesus die Frage nach dem höchsten Gebot beantwortet, setzt er dem Gebot, Gott zu lieben, noch das Gebot hinzu, den Nächsten zu lieben.

„Es ist, als ob Gott gewusst hätte, dass der religiöse Reflex der Person, mit der er sprach – der in uns allen steckt, so aussieht, dass wir Gott so sehr in den Blick nehmen, dass wir dies als eine Ausrede benutzen, die Menschen um uns herum nicht zu lieben. … Wir können die Liebe Gottes als Ausrede für alles Mögliche benutzen: Um uns und andere in die Luft zu jagen aus Liebe zu Gott, um andere zu foltern, uns in Kriege zu stürzen, … wir können uns so sehr auf Gott konzentrieren, dass es einfach richtiger erscheint, die Menschen um uns herum zu ignorieren. Es ist auch schwer gegen ‚mehr Zeit mit Gott‘, ‚mehr Gebet‘ und ‚mehr persönliches Bibelstudium‘ zu argumentieren – es scheint einfach so heilig! … Aber Jesus sagt: Ich lass euch damit nicht durchkommen: Ihr sollt Gott lieben UND euren Nächsten wie euch selbst. Und wenn du das Eine nicht tust, belügst du dich selbst was das Andere angeht.

Liebe ist nicht nur ‚keine schlechten Dinge tun‘. Liebe ergreift die Initiative, anderen Gutes zu tun. … Liebe ist mehr als nur nett sein.“ Cavey erzählt dann von einem Gespräch mit seinen Töchtern: „Da lag ein großer Stein und ich sagte: ‚Seht ihr diesen Stein? Liebt der irgendjemanden?‘ ‚Nein, Steine können nicht lieben!‘, antworteten sie. ‚Aber, tut er irgendjemandem etwas Böses?‘ – Der Stein liegt einfach da. Steine tun nichts Böses. Es ist nur, sie tun auch nichts Gutes.“ Und ein paar Lichter gingen meinen Mädchen auf, dass Liebe nicht nur bedeutet, das Schlechte zu meiden, sondern die Initiative zu ergreifen und über die Ethik eines Steins hinauszugehen (wörtlich: „go beyond the ethic of a rock“). In diesem Sommer wurde deswegen folgender Satz zu unserm Familienmotto: ‚Rock on! – Go beyond the ethic of a rock!'“

Ich möchte mehr sein, als ein Stein, der sich von der Liebe Gottes erwärmen lässt, der aber selbst nichts für andere tut. Gottes Liebe und die Liebe zu Gott, macht lebendig und aktiv – für den Nächsten. Damals fragten die Menschen Jesus: „Wer ist denn mein Nächster?“ Und auch wenn ich die Geschichte des „Barmherzigen Samariters“ schon zig Mal gehört habe: Ich merke, dass dich diese Frage immer mal wieder stellen muss. Manchmal ist es ein Verletzter am Straßenrand. Manchmal ist es eines meiner Kinder, das meine Zeit und Aufmerksamkeit benötigt. Indem, was ich tue, zeigt sich meine Liebe zu Gott. Und das bedeutet für mich: Rock on! Go beyond the ethic of a rock!

Marcus Weiand

Konflikt-Intervention als friedenstheologische Herausforderung

FachtagungErste Ergebnisse der Fachkonferenz auf dem Bienenberg

40 Personen aus Historischen Friedenskirchen und anderen friedenskirchlichen Initiativen aus Europa trafen sich an zwei Tagen zu einer Internationalen Fachkonferenz auf dem Bienenberg bei Liestal (Schweiz), um sich dem Thema „Konflikt-Intervention als friedenstheologische Herausforderung“ zu stellen. Ereignisse wie der Terror der IS in Irak und Syrien und von Boko Haram in Nigeria, drohender Genozid in Burma /Myanmar, erneut drohender Bürgerkrieg in Burundi und im Kongo rufen nach einer international abgestimmten militärischen Intervention und versprechen sich ein Ende der Grausamkeiten. Wie stehen die Friedenskirchen dazu? Das zu klären, war Ziel der Fachtagung.

Zum News-Beitrag zur Tagung auf den Bienenberg-Seiten

Zwei Tage gefüllt mit Referaten, Inputs und Gruppenarbeit verdichteten sich zu einem Schlussdokument, das nun vorliegt. Es befasst sich damit, wie die Interventionsfrage aus friedenstheologischer Sicht beantwortet werden kann.

Download des Arbeitspapiers: Using Nonviolence against Violence?

 

 

Festival of Hope – Amazing Race

fohopeOpenair Sommerfestival vom 22. bis 23. August 2015 auf dem Gelände des Ausbildungs- und Tagungszentrums Bienenberg bei Liestal. Am Festival of Hope werden diejenigen gefeiert, die sich für eine intakte Welt und die Unterdrückten einsetzen. Teilnehmende machen sich selbst mit Spiel, Spass und gutem Sound auf für ein gerechteres Miteinander.

In einem „Amazing Race“ treten Zweierteams in einem Wettkampf gegeneinander an und haben beinharte Prüfungen zu sechs Themen zu meistern: Wasser, Konsum, Müllvermeidung, Food Waste, Korruption, Menschenhandel und Mobbing. Es ist nicht einfach, die Zusammenhänge einer globalisierten Welt und deren Auswirkungen auf das persönliche Leben zu verstehen. Viele Menschen fühlen sich durch Bilder von Armut und Elend erdrückt, versuchen diese Tatsachen zu verdrängen. Hier setzt das „Festival Of Hope“ an. Es klärt die Jugendlichen über den Zusammenhang ihres Lebensstils mit Umwelt und globaler Armut auf. Dabei wird der Fokus bewusst nicht auf die herrschenden Missstände und deprimierenden Bilder gesetzt, sondern auf eine hoffnungsvolle Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, die jede und jeder Einzelne hat, im Kleinen und im Grossen die Welt zu verändern und eine „Alternative“ zu leben. Die Teams können spielerisch komplexe globale Zusammenhänge be„greif“en und sich mit mehr Zivilcourage für ein Handeln nach einer biblischen Ethik und mehr Gerechtigkeit einsetzen. Natürlich werden auch Musik, Inputs, workshops und Begegnung nicht zu kurz kommen.

Der Bienenberg fungiert gern als Gastgeber dieser Veranstaltung. Weiterlesen